Widerständiges Erinnern
Nils Niederhauser
Moira Lansdell, Juls Gassert, Livia Peter, Manu Morell und weitere
Erinnerung ist die Grundlage, auf der wir Entscheidungen treffen; individuell und kollektiv. Auch Machtstrukturen pflanzen sich durch Erinnern fort — nicht als Ideologie, die man bewusst übernimmt, sondern als die Art wie Geschichten erzählt werden, was als sagbar gilt, wer aufsteht, um Brot zu holen.
Unsere Projektgruppe gestaltet die Bedingungen, unter denen wir gemeinsam erinnern. Was wir dabei sichtbar machen und umlernen verdichten wir und entwickeln dazu Vermittlungsformate, wie Ausstellungen und Publikationen. Erinnerungsprozesse und den Wissenstransfer gestalten wir so, dass sie erinnerbar bleiben: emotional geladen, räumlich verankert, narrativ strukturiert, sensorisch konkret, sozial eingebettet.
Erinnerung ist keine zuverlässige Aufzeichnung eines Moments. Sie entsteht jedes Mal neu, aus dem was gerade sagbar ist, aus dem Körperzustand der erinnernden Person oder aus dem Kontext. Was wir erinnern, ist nicht das Ereignis selbst, sondern eine Kopie der letzten Version unserer Erinnerung daran. Das macht Erinnerung zu einem Prozess, der in der Gegenwart stattfindet. Und was ein Prozess ist, kann gestaltet werden.
Diese Gestaltung findet sowieso schon statt. Kapitalismus produziert Beschleunigung und Überlagerung, autoritäre Bewegungen füllen die entstehende Leerstelle mit importierten Erinnerungen an eine bessere Vergangenheit, die so nie existiert hat, patriarchale Strukturen bestimmen wessen Schmerz als privat gilt und wessen als politisch. Das sind keine abstrakten Systeme, denn sie leben in uns als Reaktionsmuster, als das Gefühl nicht genug zu sein das von Generation zu Generation weitergeht, ohne je benannt zu werden.
Gemeinsam zu erinnern, unterbricht diesen Mechanismus: Im Vergleich wird sichtbar was allein unsichtbar bleibt: was sich als vermeintlich individuelles Schicksal tarnt, zeigt sich im gemeinsamen Erinnern als Struktur.
Theoretisch verankert ist das Projekt in der Neurobiologie des Erinnerns des Psychologen Ranganath, der Membran-Theorie von Deleuze und Burleigh und feministischer Theorie, die das Persönliche als politisch begreift, wie de Beauvoir, Federici und Schutzbach sie geprägt haben.
Referenzen:
Charan Ranganath (2024): Why We Remember
Activities am TFT
In einer interaktiven Installation machen wir nicht nur Spuren vergangener Erinnerungsprozesse sichtbar, sondern untersuchen deren konkrete Wirkung: Welche Entscheidungen treffen wir heute anders? Was ist in unseren Alltag eingeflossen? Welche Prozesse wurden dadurch angestossen?
Wir fragen gezielt nach dem, was erinnerbar geblieben ist, und arbeiten mit diesen Aussagen direkt im Raum weiter. Das Gesagte wird nicht nur gesammelt, sondern strukturiert, verdichtet und mit bestehendem Wissen verknüpft.
Dieser Prozess ist sichtbar. Während der Installation wird kontinuierlich gearbeitet: Aussagen werden gesammelt, in Beziehung gesetzt und in Werkzeuge übersetzt.
Besuchende können sich einbringen, indem sie ihre Erfahrungen teilen oder die entstehenden Werkzeuge mitnehmen, anwenden und weiterdenken.
• Keine Anmeldung erforderlich
• Besuch jederzeit möglich
• Keine Vorkenntnisse nötig
• Rückmeldungen, durch die bereitgestellten Zettel zum aufhängen, sind erwünscht
Access Note
• Personen können zu jederzeit kommen und gehen
• Sprache: Deutsch
• Interaktionen erwünscht
Content Note
Diese thematisierten Inhalte können besonders für Menschen, die ähnliche Muster aus dem eigenen Umfeld kennen, Resonanz auslösen.